Frittenbude: Rote Sonne

Vor über zehn Jahren veröffentlichten Frittenbude mit „Nachtigall“ (2008) ein bemerkenswertes Debütalbum, das in jeder Hinsicht den Zeitgeist traf: Das letzte Indie-Aufbäumen und den Mainstream-HipHop-Hype mitnehmend, bedienten die drei Jungs den sich auf dem Höhepunkt befindlichen housigen Rave-Sound genauso wie das politische Bedürfnis hedonistischer Antifa-Hipster, die Lust auf gitarren- und schrammellosen Punk mit Stil hatten. Dem Überraschungserfolg folgten drei weitere Alben, deren gleichbleibender Sound mit den Jahren immer anachronistischer wirkte. Das gilt auch heute noch: Mit „Rote Sonne“ erscheint Frittenbudes fünftes Studioalbum – das erste seit „Küken des Orion“ 2015.

zum Album

2015? Da war doch was. Genau: Flüchtlingskrise, AfD-Aufstieg, Rechtsruck, Spaltung der Gesellschaft. Die Ereignisse der letzten Jahre stellten das inhaltliche Konzept der aus Niederbayern stammenden und mittlerweile in Berlin lebenden Band in gewisser Weise auf den Kopf: Hatte man politische Unappetitlichkeiten wie Rassismus, Nazis und Nationalismus bislang ironisch bis zynisch aufgegriffen und vor allem das richtige Party-und-Drogenleben im falschen Ganzen dagegengesetzt, wurde es nun auf einmal wieder ernst. Vielleicht ein Grund, warum das Trio vier Jahre für die neue Platte brauchte?

Zwischen Wut und Melancholie

Wer nun aber die große Frittenbude-Zäsur erwartete, wird enttäuscht – beziehungsweise darf aufatmen, je nach Standpunkt. Die Band macht dort weiter, wo sie aufgehört hat: treibender Partysound, Nullerjahre-Bässe und mitreißende Mitsing-Refrains bestimmen auch „Rote Sonne“. Und doch merkt man den Musikern, die sich immer politisch positionierten, eine Veränderung an: Bisweilen wirken die tanztauglichen Hymnen melancholischer, so wie die aktuell ausgekoppelte Single „Vida“, die sich auch textlich abstrakter als gewohnt dem Leben im Kapitalismus widmet: „Du bist so tief in uns drin – doch wir sind dir nicht gewachsen“, heißt es da, und: „Erst bist du anders und neu, dann zwingst du uns in die Knie“.

Den Rechtsruck kommentierten Frittenbude, die linksradikale Kaschemmen-Lyrics in den Mainstream holten, bereits vor einigen Monaten mit der Single „Die Dunkelheit darf niemals siegen“, und dabei äußerten sie sich klar wie nie: „Rechtspopulisten, identitäre Faschos boxt man am besten direkt in die Isar. Wer in Sachsen geblieben ist, weiß, was es heißt, Angst zu haben. Aber alle anderen wissen es auch: Hauptsache keine geflüchteten Kinder mehr auf den Spielplätzen im Prenzlauer Berg“, liefert die Band einen hitverdächtigen, wütenden Punk-Rundumschlag, den man hier komplett zitieren könnte. Etwa: „Glaubst du, dass sich irgendjemand, der bei Biocompany arbeitet, das alles selbst leisten kann, du Wichser?“ Noch Fragen?

Ansonsten geben sich Martin Steer, Johannes Rögner und Jakob Häglsperger auf „Rote Sonne“ ziemlich resigniert. „No Border, no nation / No love, no dedication“, heißt es etwa im deephousigen Titelsong, „Früher alles so leicht, heute alles so leer“ im sphärischen potenziellen Hit „Alles was wir nicht tun“ und „Bau dir was auf und mach es wieder kaputt, wenn es dir nicht mehr taugt“ im hymnenhaften Stück „Insel“. Dazu das nach elf Jahren wohl obligatorische „Früher war alles besser“-Stück „Brennen“, das sich mit Autotune erinnert: „Wir waren öfter auf Demos als mit unseren Eltern in Ferien“.

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„Der Gutmensch stirbt aus wie Dinosauriertiere“, singen Frittenbude im Song „Kanister“. Vielleicht wird dieser Gutmensch aber auch einfach nur so halb-resigniert – halb-hoffnungsvoll, halb-bedrückt – halb-wütend wie das zugleich aus der Zeit gefallene und hochaktuell wirkende Trio. Es wäre nicht das Schlechteste.

Bewertung: überzeugend

teleschau – der mediendienst Quelle: mittelbayrische

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