Ohne diese Impfungen wäre ich jetzt tot

Siegfried Rütten aus Idafehn war trotz Zweifach-Impfung an Covid-19 erkrankt, lag im Koma. Jetzt spricht er über seine Nahtod-Erfahrung, seine Versorgung im Borro, über Demut und Impfgegner.

Ostrhauderfehn – „Mit Klatschen für die sich aufopfernden Pflegekräfte auf den Intensivstationen ist es nicht getan. Und Impfskeptiker sollten sich meine Erfahrungen mal anhören“, sagt Siegfried Rütten. „Ehe ich ins Koma fiel, hatte ich furchtbare Angst zu ersticken. Habe geweint. War vollkommen verzweifelt. Ich hatte Panik, denn diese Erstickungs-Angst ist etwas ganz, ganz Schlimmes“, schildert er die gerade erst überstandenen schlimmsten Momente seines Lebens.

Er ist 75 und seit Jahrzehnten passionierter Jäger. Er war sein Leben lang eine kernige Sportskanone: Fußball, Tennis, Schwimmen, Skifahren, Tauchen, Triathlon. Wehleidig war er nie, sondern eher ein „harter Hund“. Sein Körper war auch im fortgeschrittenen Alter noch durchtrainiert – bis vor wenigen Wochen. Bis zu der Infektion mit dem Corona-Virus. Bis zu dem schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung, bei der er dem Tod ins Auge sah. Und all das, obwohl er zweimal gegen Covid-19 geimpft war.

Die intensivmedizinische Versorgung von Covid-19-Patienten ist extrem aufwendig. Auch Siegfried Rütten aus Ostrhauderfehn rang auf solch einer Krankenhausstation um sein Leben.

„Aber ohne diese Impfungen wäre ich jetzt tot“, ist der frühere Schulleiter aus Ostrhauderfehn überzeugt und verdeutlicht: „Bei mir war es kurz vor knapp.“ Heute, wenige Wochen nach dem gewonnenen Überlebenskampf auf der Intensivstation des Leeraner Borromäus-Hospitals, hüstelt Rütten immer noch und ist voller Ungeduld: Er möchte so schnell wie möglich wieder trainieren, will seine Muskeln und seine Ausdauer wiederhaben. Ein weiter Weg liegt da noch vor ihm. Nach und nach erkennt er das selbst.Nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Spuren

Gerade kommt Siegfried Rütten vom Augenarzt. Er hatte das Gefühl, ein Auge habe durch die Infektion gelitten. Vorher war er bei seinem Hausarzt zur Sauerstoff-Therapie gewesen. Er wirkt niedergeschlagen, denn gerade hat er erfahren, dass durch die Covid-Erkrankung womöglich auch sein Herzmuskel etwas abbekommen hat. Der Ruhepuls ist viel zu niedrig.

Die Covid-19-Erkrankung, ihr dramatischer Verlauf, habe bei ihm Spuren hinterlassen. Nicht nur körperliche, sondern auch emotionale. „Ich bin sehr nachdenklich und vor allem verdammt demütig geworden. Demütig gegenüber den Pflegekräften auf den Intensivstationen“, sagt der 75-Jährige und hält einen Moment inne.Anzeige

Heike Rütten teilt die Demut ihres Mannes, zieht den Hut vor den Pflegerinnen und Pflegern auf der Borro-Intensivstation. Sie war Ende November gleichzeitig mit ihrem Mann positiv auf Covid-19 getestet worden, hatte aber gar keine Krankheits-Symptome gehabt.

Der Gesundheitszustand ihres Mannes hingegen sei in der häuslichen Quarantäne wie eine Achterbahnfahrt gewesen: „Tage mit über 40 Grad Fieber. Und Tage, an denen es ihm offenbar besser ging“, erzählt Heike Rütten. Letztlich war er wegen seiner entzündeten Lunge als Notfall ins Krankenhaus eingewiesen worden. Er hatte dort das letzte noch zur Verfügung stehende Bett auf der Isolierstation bekommen, war wenige Tage später auf die Intensivstation verlegt und dort am übernächsten Tag in ein künstliches Koma versetzt und künstlich beatmet worden. „Der Chefarzt hatte mir erklärt, dass mein Gesundheitszustand sehr kritisch und dieser Schritt erforderlich sei“, berichtet der 75-Jährige.Wie ein Baby in Windeln gewickelt

„Beschämt und erschüttert über die eigene Hilflosigkeit, wie ein Baby in Windeln gewickelt und nicht in der Lage, selbstständig am Leben teilhaben zu können, habe auch ich, wie selten in der Vergangenheit, geweint und bin mir meiner Hilflosigkeit bewusst geworden“, berichtet er und fügt hinzu: „Du bist dann wie ein Stück Materie, das von außen hin und her bewegt wird. Mehr nicht.“

Er wisse nicht, was sich während des Komas in seinen Gedanken abgespielt habe. Rütten: „Ich stand nicht vorm Himmelstor und wartete auf Einlass, so wie man es aus Nahtod-Erlebnisberichten kennt. Aber ich weiß, dass ich viel an meine Kindheit und an meine Familie gedacht habe. Ich konnte nicht klar denken, sah mich auf dem Boden oder einem Rasen liegen. Mehr weiß ich nicht.“Erst Impf-Skeptiker, dann der Wissenschaft vertraut

Als die Borro-Ärzte nach mehreren Tagen den Eindruck gehabt hätten, ihr Mann sei „über den Berg“, führt Heike Rütten aus, hätten sie ihn nach und nach aus dem Koma herausgeholt und die künstliche Beatmung zurückgefahren. Mittlerweile ist ihr Mann aus der Klinik entlassen, gilt als Covid-19-Geimpfter und -Genesener. Noch im Frühjahr des zurückliegenden Jahres sei er ein Impf-Skeptiker gewesen, räumt Siegfried Rütten ein. Diese Skepsis sei geschwunden, als er für sich erkannt habe, dass die Wissenschaft heutzutage Impfstoffe innerhalb kürzester Zeit entwickeln könne. So etwas dauere ja nicht mehr Jahrzehnte wie beispielsweise einst bei der Entwicklung des Penicillins. Deshalb habe er sich gegen Covid-19 impfen lassen. Zweimal.

Danach habe er es „mit dem Tragen der Schutzmaske nicht mehr so genau genommen“, habe er sie nicht immer angelegt, wo er es aber besser hätte tun sollen, gibt der Ostrhauderfehner zu und erklärt, er sei gebürtiger Rheinländer und habe wohl zu oft gedacht: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Ob er nun nach seiner Erkrankung zu den in Niedersachsen bekannten 0,5 Prozent Fällen von Impfdurchbrüchen zähle, das wisse er noch gar nicht, sagt Rütten. Wichtiger sei: Als doppelt Geimpfter und jetzt Genesener gelte er als geboostert.„…nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort“

Zum Vorgehen mancher „Spaziergänger“ meint Siegfried Rütten, Stärke bedeute nicht, seine auf nicht wissenschaftlichen Meinungen basierende Impfskepsis oder Verweigerung anderen überzustülpen oder mit Gewalt durchsetzen zu wollen.

„Wer wie ich mit dem Tod gekämpft hat, der kann beurteilen, wie angsteinflößend und psychisch belastend, jedoch auch wegweisend, diese Wochen im Krankenhaus waren. Nur mit Vernunft und der Bereitschaft, zuzuhören ist der Spruch von Erich Kästner vielleicht doch zu widerlegen, der da lautet: Vernunft muss sich jeder selbst erwerben, nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.

Quelle OZ- Online

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