Überblicksdarstellung zum deutschen Rechtsextremismus

Der Autor Christoph Schulze legt mit „Rechtsextremismus. Gestalt und Geschichte“ eine neue Überblicksdarstellung zum Thema vor. Integriert sind auch aktuellere Entwicklungen von der AfD über die Identitären und Neue Rechte bis hin zu Reichsbürgern. Bilanzierend handelt es sich um eine inhaltliche Bündelung der Sekundärliteratur, die als gut strukturierte Einführung ins Thema dienen kann.

Auch das Bundesinnenministerium sprach in einer Erklärung zum Rechtsextremismus davon, dass von ihm die größte Gefahr für die innere Sicherheit ausgehe. Für alle Interessierte am Thema gibt es dazu auch eine neue Überblicksdarstellung. Man muss gleich diesen Charakter betonen, um keine falschen Erwartungen auszulösen. Denn Christoph Schulze, der Mitarbeiter am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam ist, will eben nur eine solche Veröffentlichung vorlegen.

Ihm geht es in seinem Buch „Rechtsextremismus. Gestalt und Geschichte“ eben nicht um neue Forschungsergebnisse, sondern um eine einführende Präsentation. Dabei stützt er sich überwiegend auf die bisherige Fachliteratur, jeweils angereichert um Hinweise auf aktuellere Zusammenhänge. Die Darstellung ist dabei in vier Hauptkapitel gegliedert, welche aber einen ganz unterschiedlichen Umfang haben. Zu Gegenmaßnahmen findet man nur fünf Seiten, zu Geschichte und Gestalt 140 Seiten. Demgemäß stehen die rechtsextremistischen Akteure im inhaltlichen Zentrum.

Auseinandersetzung mit Definitionsfragen

Nach einer eher essayistischen Einführung geht es um die Begriffsbestimmung, wobei hier unterschiedliche Deutungen aus der Forschung referiert werden, ohne aber eine eigene Positionierung genauer vorzunehmen. Der Autor neigt gleichwohl erkennbar zur den Definitionen von Hans-Gerd Jaschke und einer Wissenschaftlergruppe. Indessen weisen diese Begriffsbestimmungen auch inhaltliche Brüche oder Lücken auf, was indessen in diesem Kontext nicht näher thematisiert wird.

Er differenziert dafür aber an anderen Stellen, etwa wenn er auf die Differenzen zwischen einem modernen Konservativismus und dem thematisierten Rechtsextremismus verweist. Da dies häufig genug in der Literatur nicht geschieht, sollte es hier auch positiv hervorgehoben werden. Anschließend geht es um die einzelnen Ideologieelemente vom Nationalismus bis zum Rassismus, vom Demokratiebild bis zu Familienvorstellungen. Deutlich werden aber auch inhaltliche Differenzen betont, etwa bezogen auf rechtsextremistischen Einstellungen zu Religion und Wirtschaft.

AfD als aktuelles Gravitationszentrum

Anschließend steht die Entwicklung der unterschiedlichen Organisationen bei Schulze im Zentrum. Hier geht er jeweils kurz bis in die Nachkriegszeit zurück, wodurch aber auch Brüche und Kontinuitäten deutlich werden. Die AfD gilt ihm übrigens als aktuelles Gravitationszentrum im Parteibereich. Und dann werden auch relativ ausführlich die einschlägigen Kulturorganisationen behandelt, welche in anderen Darstellungen häufig weniger Interesse finden.

Bedeutsam sind sie indessen, um Anhänger auch in Krisenzeiten im Rechtsextremismus zu halten. Auch die Entwicklung der Neonazi-Szene ist ausführliches Thema, einschließlich des Rechtsterrorismus. Dabei fällt aber auf, dass der NSU nur sehr kurz behandelt wird. Gerade der vergleichende Blick auf diese Gruppierung im Lichte des früheren Rechtsterrorismus wäre hier interessant gewesen. Danach geht der Autor dann aber noch auf neuere Phänomene ein, wozu etwa die „Identitären“ und die Neue Rechte, aber auch Reichsbürger und Verschwörungsideologen zählen.

Nützliche Einführung und Überblicksdarstellung

Die letzten beiden Kapitel sind sehr knapp und demgemäß oberflächlich geraten. Berechtigt verweist der Autor auf das rechtsextremistische Einstellungspotential in der Gesellschaft hin, was für die politischen Akteure den wichtigen Resonanzraum darstellt. Und dann nennt er einige Erklärungsfaktoren aus der Forschung, wobei dies in der erwähnten Kürze verständlicherweise nur stichwortartig geschehen kann. Dies gilt noch mehr für die Ausführungen zu Gegenmaßnahmen, die man hier auch hätte weglassen können. Manchmal ist auch weniger mehr!
In der Gesamtschau liegt hier eine nützliche Überblicksdarstellung vor. Angesichts dieses Charakters darf man nur eingeschränkt inhaltliche Lücken beklagen. Gleichwohl gibt es solche, was etwa die rechtsextremistische Gewaltdimension im nicht-terroristischen Sinne angeht. Mitunter „klebt“ der Autor auch etwas zu sehr an der Sekundärliteratur. Darüber hinaus erfolgen keine Belege für Zitate, was aber wohl nicht Schulze anzulasten ist, sondern einer Verlagsvorgabe entspricht.

Christoph Schulze, Rechtsextremismus. Gestalt und Geschichte, Wiesbaden 2021 (S. Matrix-Verlag), 224 S., 20 Euro

Quelle: bnr

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